Zum Schlagwort: Wandern und Rückkehren.

Der Verein Zuhause in Brandenburg setzt sich seit seiner Gründung 2008 mit dem Thema Demografischer Wandel auseinander. Speziell mit den Themen Abwanderung und Rückwanderung in der Uckermark.

Die CDU Fraktion des Landtages Brandenburg reichte im Januar einen Antrag zur Einrichtung einer zentralen Rückkehragentur zur Sicherung des Fachkräftebedarfs in Brandenburg ein. Dieser Antrag wurde gestern im Ausschuß Arbeit, Soziales, Frauen und Familie des Landtages im Rahmen einer Anhörung behandelt. Zuhause in Brandenburg wurde als Experte zu dem Thema angehört.

Unser Statement zum Konzept verfolgte vor alle zwei Linien.

1. Rückkehrförderung ist mehr als die Sicherung des Fachkräftebedarfs

Der im Antrag verfolgte Ansatz den Fachkräftebedarf für Brandenburg zu sichern, leitet sich vor allem aus dem momentanen Bedarf der Wirtschaft ab. Ehemalige Brandenburger/-innen werden hier in erster Linie als fehlendes Teil des Wirtschaftskreislaufes gesehen. Völlig vernachlässigt wird dabei, dass junge Menschen auch außerhalb der Wirtschaft als wichtiger Teil Gesellschaft fehlen. Sie fehlen umso mehr vor dem Hintergrund, dass vor allem gut qualifizierte und engagierte Frauen ihre Heimat endgültig verlassen. Mit Blick auf ein Konzept zur Rückkehrförderung muss berücksichtigt werden, dass ehemalige Brandenburger/-innen nicht zurückkehren, weil sich der Bedarf der Wirtschaft nach Fachkräften geändert hat. Junge Menschen kehren vor allem wegen der weichen Standortfaktoren und der Heimatverbundenheit zurück. Die Möglichkeit einen adäquaten Beruf auszuüben ist nur in zweiter Linie ausschlaggebend für eine Rückkehrentscheidung. Diese Variable wird in Zukunft mit dem zunehmenden Fachkräftemangel in der gesamten Bundesrepublik sogar noch weiter in den Hintergrund treten.

2. Regionale Ansätze zur Rückkehrförderung ermöglichen eine zielgenauere Umsetzung.

Der Umsetzung regionaler Ansätze zur Rückkehrförderung ist gegenüber einer zentralen Lösung auf Landesebene der Vorzug zu geben. Dass lässt sich zunächst aus der Identifikation von ehemaligen Brandenburger/-innen mit der Heimatregion ableiten. Es ist klar erkennbar, dass sich Brandenburger/-innen vor allem als Prignitzer/-innen, Spreewälder/-innen, Potsdamer/-innen oder Uckermärker/-innen verstehen und ein ehemaliger Uckermärker bei seiner Rückkehr nicht irgendwo in Brandenburg ansässig werden möchte, sondern wieder in der Uckermark. Darüber hinaus sind die Bedingungen in den Regionen sehr unterschiedlich und eine enge Zusammenarbeit mit den Kommunen und der regionalen Wirtschaft notwendig. Spezifische Bedarfe die sich bei der Unterstützung von Rückkehrer/-innen in den einzelnen Regionen ergeben (Immobilienmark, Kitaeinrichtungen usw.), kann eine zentral eingerichtete Landesagentur nicht im notwendigen Maße adressieren und sind damit regional zielgerichteter bearbeitbar. Des Weiteren greifen potentielle Rückkehrerer/-innen eher auf Strukturen zurück, die aus der eigenen Erfahrung verlässlich erscheinen und unkompliziert sind. Das sind vor allem familiäre Strukturen und bereits bekannte Netzwerke in der Region. Um die Rückkehr zu fördern, sollten Maßnahmen dort auch ansetzen bzw. ausgebaut werden. Eine reine Beschränkung auf Vermittlungstätigkeiten von Stellenangeboten wäre ohnehin eine Doppelstruktur zum Aufgabenbereich der Arbeitsagentur. Daher sehen wir die Rückkehrförderung auf regionaler Ebene deutlich Erfolg versprechender.

Die gesamte Stellungnahme kann hier nachgelesen werden:

AnhörungLandtag

 

 

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Michael Fritz

“Land kann man nicht essen”

Als ich ein Jüngling war dachte, redete und handelte ich wie ein Jüngling. Vieles von meinen kindlichen Vorstellungen habe ich im Laufe der Jahre hinter mir gelassen. Manches wiederum konnte den Test der Zeit bestehen. Doch das Land und die Menschen meiner Kindheit sind noch heute der Schatz, der meinem Leben einen wärmenden Glanz verleiht. Ein Schatz, den ich erst vor kurzem für mich wieder entdeckte. Ich will dir davon erzählen und vielleicht verstehst du dann besser, wie es mir im Moment geht…

Vor ein paar Tagen hatte ich eine äußerst seltsame Begegnung. Ich weiß nicht mehr, ob es sich dabei um einen Traum oder die Realität handelte. Auf jeden Fall traf ich sie – eine geheimnisvolle Frau in den besten Jahren. Sie war geschmackvoll gekleidet in einem lebhaften Kleid bunter Farben. Ihr Haar leuchtete wie die Sonne und ihre Augen waren eisblau wie die Gletscher auf Island. Ein süßes exotisches Parfüm umwehte die Fremde und irgendwie schien sie mich in tausend kleinen Facetten an die Tage meiner Jugendzeit zu erinnern. Unbeschwert und leicht war sie – voller Wissbegier und Tatendrang, voller Dynamik und Optimismus.

Die Fremde zeigte auf eine hölzerne Staffelei, in die eine unberührte Leinwand eingespannt war. Ich sah einen Kasten mit Ölfarben, wie ich ihn oft zuvor benutzt hatte, und eine kleinere Auswahl von Borstenpinseln. „Was bewegt dein Herz?“ fragte sie mich mit sanfter Stimme. „Für mich sind deine Gedanken kostbar und ich möchte sie gerne auf Leinwand bannen!“ Sie sah mich mit durchdringendem Blick an und zückte voller Erwartung einen ersten Pinsel. In mir selbst hatte tagelang ein Durcheinander der Gefühle geherrscht. Ich glaubte nicht, dass ich ihr etwas Produktives weiter geben könnte. Doch die Fremde schien da anderer Meinung zu sein. „Wunderbar – da sind ja schon die ersten Farben erkennbar.“ Und während ich sie verdutzt ansah, begann sie mit meisterlicher Hand ein Gemälde zu entwerfen.

Mit kräftigen Pinselstrichen brachte sie genau die Farben auf die Leinwand, die ich in den letzten Jahren in den letzten Winkel meines Herzens verbannt hatte. Es waren die aromatischen Farben meiner Heimat.

Die mysteriöse Frau begann ihr Werk mit Blautönen. Grünblau waren die kühlen Seen der Uckermark, die im Hochsommer voller Sonnenlicht glitzern und die seit Urzeiten Mensch und Tier eine Quelle des Lebens gewesen waren. Ich hörte mich wie zum ersten Mal ins kühle Element springen, hörte Kinderlachen an den unzähligen Badestellen der Region und konnte förmlich den Duft der Bockwürstchen mit Bautzner Senf einatmen. Ich sog die Stimmung tief in mich ein – ja, so fühlte sich meine Heimat an. Die Fremde strich danach behutsam die dunkleren Blautöne aufs Bild und formte daraus das bedächtige Schweigen Pfeife rauchender Petrijünger, die in mückenflirrender Abendstimmung hoffnungsvoll ihre Rute auswarfen.

Doch meine Erinnerung förderte noch mehr Blautöne zutage. Blau war der Himmel meiner Kindheit, sorgenfrei und weit wie der Horizont auf den Feldern der Mark. Nicht, dass es andernorts nicht auch ein Firmament für mich zu bestaunen gegeben hätte. Doch so satt und von städtischer Bebauung ungetrübt wie in meiner Heimat habe ich es nie wahrgenommen.

Die Dame im bunten Kleid war nach dieser Ouvertüre in Blau zur nächsten Farbe entschlossen. Königliches Goldgelb hing nun pastös am größten ihrer Pinsel. Die ersten Striche folgten und erinnerten mich an die ausgedehnten Schilfgürtel, die ich früher andächtig mit dem Paddelboot umkreist hatte. Ich drang ein in ein Königreich voller Leben mit Rallen, springenden Fischen, Legionen von Fröschen und hier und da einer sich grazil im Wasser schlängelnden Ringelnatter.

Der Fremden schien die Arbeit mit Goldtönen zu gefallen. Mein Blick schweifte nun über die duftenden Felder, die mit ihren vollen Ähren verschwenderisch zu protzen schienen. Weizen, Gerste, Roggen und Hafer hatten schon seit Generationen die Landschaft meiner Heimat mit königlicher Pracht erfüllt. Unsere Bauern kannten kein zufriedeneres Gefühl, als dieses kostbare Gut sicher in ihren gefüllten Scheunen zu wissen. Ich erinnerte mich an das pieksende Stroh, das früher in Quadern und später in großen Rollen der Sonne zum Trocknen dargeboten wurde. Mensch und Natur schienen sich auf eine stille Übereinkunft berufen zu können, welche die harte Arbeit mit dem folgenden Ertrag in ein lohnendes Verhältnis setzte. Wie hatte ich in den vergangenen Jahren voller Hektik und Hetze diesen ausgewogenen Zustand meiner Heimat vermisst. Aus Anfängen voller Leidenschaft und Ehrgeiz hatte sich mein Leben in eine farblose Routine entwickelt, das sich als großes Hamsterrad begriff. Ein warmes Gefühl durchdrang mich, als ich nun auf der Leinwand eben diese urwüchsige Leidenschaft in dem Bild meiner Heimat wieder fand.

Ganz unbemerkt hatte die Künstlerin angefangen, rote Tupfen in die wogenden Kornfelder hineinzustreuen. Klatschmohn, der betörend und filigran zugleich den goldgelben Feldern eine Art Krone aufsetzte. Wie ein Schleier bewusst vergossener Blutstropfen säumte er das goldene Meer. An dieser Stelle sah ich die Künstlerin genauer an. Wer war sie? Konnte sie wissen, wie viel endlose Stunden ich als Kind auf diesen Feldern zugebracht hatte? Sie lächelte mich an und schwang den Pinsel ein weiteres Mal. Rot wurden nun die Hagebutten, die im Spätsommer Gebüsche und Feldraine säumten. Rot die Tomaten, die den elterlichen Garten bevölkerten und phasenweise zum Grundnahrungsmittel erklärt worden waren. Rot war auch die politische Vergangenheit vieler Mitmenschen gewesen, doch zu dem ungefärbten Aroma unserer Tomaten hatten es nur wenige gebracht. Wo Rot und Spuren von Blau sich auf der Leinwand mischten entstand ein saftiger kirschfarbener Ton. Süß oder sauer – Kirschen waren ein Luxus meiner Kindheit gewesen und hatten frisch auf dem Baum am besten geschmeckt. Warm von der Sonne waren sie gewesen, bedroht durch allgegenwärtige Geschwader von Staren.

Die geheimnisvolle Frau schien mit mir auf diesen Bäumen gewesen zu sein. Im Nu hatte sich ihre Leinwand in ein prächtiges Farbenmeer verwandelt. Doch schien mir in dem Bild etwas Zentrales zu fehlen. „Fehlt dir vielleicht das Grün?“ hörte ich sie verständnisvoll fragen. Natürlich – das Grün. Grün war doch die bestimmendste aller Farben in meiner Heimat.

Mit den ersten Frühlingsblumen hielt diese Königin der Farben ihren Einzug in Wald und Flur. Die Böden wurden übersät mit Teppichen von Gras und Buschwindröschen. Knorrige Laubbäume stemmten in jahrhundertelanger Routine ihr leuchtend grünes Kleid der Sonne entgegen. Lustvoll wanden sich allerorts Kletterpflanzen an Mauern und Bäumen hinauf und boten einer kleinen Armee von Tieren ein sicheres Zuhause. Nahezu jeder Grünton tauchte plötzlich in meiner Erinnerung an die Heimat auf: Mal leuchtete es in den Vorgärten der Menschen, mal formten dunkle Grüntöne ein kathedralenartiges Dach über den Alleen, die ich als Jugendlicher durchfahren hatte. Grün waren auch die Trachten der Jäger die in den Abendstunden ihre Familien für die Pirsch zurückließen.

In unendlich vielen Zwischentönen und Nuancen strahlte mir meine Heimat auf der Leinwand entgegen und ich wußte: Soviel Vitalität hatte ich schon lange nicht mehr an dem Ort erfahren, an dem ich die letzten Jahre gelebt hatte.

Ich war von Beton umgeben, Menschen beherrschten das Bild und hatten die Natur schon seit Jahrzehnten in ihre Schranken verwiesen. Seen und Felder waren selten und bei weitem nicht so üppig, wie ich es von Zuhause kannte.

Doch nun sah ich es wieder neu vor mir. Sah es in leuchtenden Farben. Sah es in dem bunten Kleid der Fremden, die plötzlich in ihrer Arbeit innehielt und mich anstrahlte. „Gefällt dir die Zusammenstellung der Farben auf dem Bild?“ fragte sie nicht ohne Stolz. „Nimm etwas Abstand und blinzele, dann werden sich die Farbtöne vermischen.“ Ich ging ein paar Schritte zurück und befolgte ihren Rat. Mit einem Mal verschmolzen die unterschiedlichsten Töne zu einem harmonischen und unaussprechlich reichhaltigen Ganzen. Was ich vor mir sah, war ein treffender Abdruck meiner Kindheit, ein Denkmal meiner Heimat – ein Sinnbild für die Uckermark.

Mir fielen interessante Mischtöne auf. Grün, Rot und Goldgelb hatten sich zu einem goldbraun zusammengefunden. Sofort kroch mir der intensiv würzige Geruch harzschwitzender Kiefernwälder in die Nase. Grüngelbe Muster schimmerten mir an anderer Stelle entgegen und formten die Umrisse eines prächtigen Hechtes, der gerade mühsam seinem nassen Königreich entrissen worden war. Lilatupfen ließen reife Pflaumen oder Fliederbüsche erahnen, die jede auf ihre Art zur Verschönerung der Landschaft beitrugen. Kürbisorange, lehmocker, seerosenweiß und veilchenblau- ein so buntes Bild hatte selbst der Louvre nicht oft in seinen Mauern. Nicht zu vergessen waren all die Grau- und Brauntöne der Findlinge, die als Andenken aus der letzten Eiszeit hier stecken geblieben waren.

Die Künstlerin wollte nun mit schwarzer Farbe die Hell-Dunkel-Kontraste herausarbeiten. Mit sehr viel Taktgefühl verordnete sie ihrer Komposition genau die Tiefe, die zu der jeweiligen Stelle passte. Tiefschwarz wölbte sich der Nachthimmel mit einem milliardenfachen Meer funkelnder Sterne über das üppige Wechselspiel von Farben und Formen. Großstadtlichter waren viel zu weit entfernt, um dieses majestätische Schauspiel zu trüben, dass sich uns Uckermärkern in vielen lauen Sommernächten selbstlos schenkte. Wie oft hatte ich früher andächtig dem überwältigenden Orchester von Mond, Sternen und Sternschnuppen gelauscht. Aus erster Reihe hatte ich von Kornfeldern oder Lagerfeuern aus hinaufgesehen und gehofft, keine Note des machtvoll ruhigen Stückes zu verpassen. Oft hatten geliebte Menschen diese heiligen Momente mit mir geteilt und immer wieder konnte sich der große Friede des Nachthimmels in mein Herz hineinsenken.

Durch die neuen Kontraste wirkte das Bild der Künstlerin faszinierend plastisch und lebensnah. Das war die Uckermark wie sie leibt und lebt. Doch irgendetwas schien mir immer noch zu fehlen. Ich hatte viel in dieser grandiosen Landschaft erlebt, keine Frage. Doch Heimat war für mich nie ohne die Menschen zu denken mit denen ich aufgewachsen war und mit denen ich so viel Leben geteilt hatte. „Menschen“, sagte ich, „es fehlen noch Menschen! „Was ist die Uckermark ohne die Menschen, die sie bewohnen? Was nützt ein Kunstwerk wenn es niemanden gibt, der sich an seiner Schönheit erfreut?“ Die Künstlerin nahm den kleinsten ihrer Pinsel zur Hand. Menschen gab es in meiner Heimat schon lange, doch dominiert haben sie das Ganze zu keiner Zeit. Ich erzählte der Fremden, die mir mittlerweile immer vertrauter erschien, von den Menschen, die für mich die Heimat zur Heimat machten. Mir kamen Schulfreunde und Kollegen in den Sinn, meine Familie und Verwandtschaft, die auch stark in der Uckermark verwurzelt waren. Mit Menschen hatte ich den Rhythmus der Jahreszeiten, hatte den Wechsel von Arbeit und Erholung gespürt. Mit manchen hatte ich Jahrzehnte meines Lebens geteilt, andere hatten sich durch kurze, aber intensive Begegnungen in meiner Erinnerung eingebrannt.

Allein mein Großvater, ein Bauer, bei dem ich endlose Tage auf dem Bauernhof verbrachte, hätte ein eigenes Portrait verdient. Sein Leben war gezeichnet von der harten Landarbeit und der dramatischen Zwangsenteignung im Zuge der Bodenreform. Wie viele Andere hatte er sein Talent und sein Herz seit Kindheitstagen in die Landwirtschaft gesteckt. In jungen Jahren hatte sich dieser Lebensstil bezahlt gemacht, doch nun im Alter war nur wenig von diesem alten Glanz geblieben. Das Dorf mitten im Nirgendwo der Uckermark starb mit jedem alten Menschen, der es auf die eine oder andere Art verließ. Kinder und Enkel hatten schon lange das Weite gesucht, doch nur wenige hatten in der Ferne auch ihr Glück gefunden. An ihre Stelle waren die Touristen getreten. „Die Berliner“ hatten ihr grünes und preiswertes Umland als wochenendliches Naherholungsgebiet für sich wiederentdeckt. Die historisch gewachsene Dorfkultur, die sich durch intensive Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auszeichnete, wird wohl bald mit der Generation meines Großvaters ihr Ende finden.

Mir wurde bei diesen Gedanken schmerzhaft bewusst, dass das Bild meiner Heimat trotz der vielen bunten Farben im Grunde eine große Tragik transportierte. Mit einem Mal glichen die Farben nur noch dem Blumenschmuck bei einem Begräbnis. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass ich selbst Teil dieses Trauerzuges war. Ich gehörte zu dem breiten Strom von Menschen, die alle zu der traurigen Erkenntnis gekommen waren, dass man Land nicht essen kann.

„Land kann man nicht essen!“ Diese Erkenntnis hatte in den vergangenen 20 Jahren eine ganze Generation meist junger Uckermärker aus einer Heimat vertrieben, in der einst ihre Wurzeln gewachsen waren.

Die Natur reproduzierte sich selbst, doch für uns Menschen machten die Umstände der politischen Wende die Uckermark als Lebensraum unattraktiv. Binnen weniger Jahre konnte unsere Heimat ihre Kinder nicht mehr ernähren – so zumindest lautete unser Denken, dass durch jeden gekündigten Arbeitsplatz seine promte Bestätigung erfuhr. Wie das Harz aus unseren märkischen Kiefern blutete, so verließ mit jedem jungen Menschen ein potentieller Hoffnungsträger tröpfchenweise die heile Welt seiner Kindheit. Die blühenden Landschaften im Osten schienen in einem ungleich langsameren Tempo aufzuwachsen als wir uns alle vorher ausgemalt hatten. Unsere Lebensziele, wie solide Ausbildung und ein einträglicher Arbeitsplatz, schienen uns nur da umsetzbar, wo die Sonne unterging – im Westen. Auch ich packte daher nach der Schule meine Sachen und zog lieber dem ungewissen Reichtum entgegen, als einer sicheren Strukturschwäche in die Augen zu blicken.

Recht prägnant hatte die Künstlerin die Menschen meines Berichtes in ihr Gemälde integriert. Einerseits gab es große und dynamisch leuchtende Gruppen von Menschen, die Richtung Bildrand unterwegs waren, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Ich konnte förmlich sehen, wie Familien auseinander gerissen wurden und es nichts mehr gab, dass man als Lebensmittelpunkt bezeichnen konnte. Dann gab es die glücklichen Uckermärker, die „Gewinner der Wende“, die sich eine Arbeitsstelle und etwas sozialen Status hatten erhalten können. Sie waren in optimistischem Grün skizziert und doch fiel mir auf, dass ein großer Teil um Autobahn und Zugstrecke nach Berlin gruppiert war und seine Absicherung langen und ermüdenden Arbeitswegen verdanken musste. Handwerker hatten europaweit nach Arbeit Ausschau zu halten und standen vor der Herausforderung, ihr gesamtes Privatleben in viel zu kurze Wochenenden hineinzupacken. Der emotionale Druck und die Verzweiflung wurden von der Künstlerin mit aggressiven Farbtönen unterlegt. Das Ungleichgewicht als Normalzustand.

Mein Blick blieb danach an den kleinen verunsicherten Menschentrauben hängen, die in meiner Heimat die Stellung hielten. Viele Schicksale hatte ich selber miterlebt. Für sie war die politische Wende wie eine plötzliche Flutwelle gekommen, die jegliche Ordnung und Orientierung in ihrem Leben durcheinander gewirbelt hatte. Noch Jahre nach dem Ereignis streiften Menschen durch die Trümmerfelder ihres Weltbildes und suchten nach vertrauten Objekten. Es war eindeutig, dass die Menschen meiner Heimat nach diesen Ereignissen große Mühe damit hatten, zu sich selbst zurückzufinden. Mühsam versuchten kleine Gruppen von Aktivisten, die politische und wirtschaftliche Landschaft neu zu beleben, doch für viele blieben die erhofften Ernten aus.

„Land kann man nicht essen!“ diese Einsicht hatte mich damals in die Fremde getrieben. Dort hatte ich bekommen, was mir meine Heimat nicht hatte bieten können. Doch die Frage, die mich unentwegt umtrieb, war, ob mich dieser Zustand wirklich hatte satt machen können. Was hatte es mir geholfen, auf der finanziellen Seite satt zu sein, und auf der anderen Seite mein Leben im Exil verbringen zu müssen? Getrennt von den Menschen, die mich wirklich verstanden, und von der Landschaft, die mir sagen konnte, wo ich wirklich hingehöre. Ich hatte im Laufe der Jahre sehr wohl gemerkt, dass auch im „Westen“ nicht alles aus Gold besteht. Auch dort gab es immer mehr Strukturprobleme und Zukunftssorgen. Vor allem aber wurde mir deutlich, wie stark meine Heimat mein Denken geprägt hatte. Im neuen Lebensumfeld traf ich nun auf Menschen ganz anderer Prägung und merkte, dass dort ein mehr oder weniger großer Verstehensgraben existierte, der Kommunikation immer wieder erschwerte. In der Heimat hingegen würde ich immer „einer von uns“ bleiben.

„Du hast eine wertvolle Heimat“, sagte die Frau plötzlich zu mir. „Vieles ist nicht einfach, und doch scheint es der Ort zu sein, der mehr zu dir passt als alles, was du hier in der Fremde erleben kannst. Hier bist du umgeben von Autobahnen und Flugzeuglärm. Abends kannst du am Horizont acht Städte und Dörfer voller Menschen ausmachen – dafür fehlt dir das schweigsame Konzert des Sternenhimmels. Außer Freibädern und Baggerlöchern gibt es hier kein Wasser, in dem du deine Kinder den ganzen Sommer lang baden lassen kannst. Es ist nicht schlecht hier, aber Wurzeln schlagen kannst du hier nicht. Die Menschen sind nett, aber es sind nicht die Menschen, die dich ohne Worte verstehen werden.“ Ich sah betroffen nach unten. Irgendwie war es ihr gelungen, die verborgensten Gefühle meines Herzens offen zu legen.

„Das Bild ist fast fertig!“ sagte sie mit einem Augenzwinkern. „Ich denke, es fehlt nur noch eine Person in dem Bild. Weißt du, wen ich meine?“ Ich war noch immer sehr nachdenklich und kleinlaut. „Wahrscheinlich muss ich mich jetzt entscheiden wo ich hingehöre“ hörte ich mich sagen.

„Entweder ich bleibe hier in der Fremde und weiß, dass mir die Heimat fehlt, oder…“ „Oder du nimmst diesen letzten Pinsel und suchst dir einen schönen Platz auf dem Gemälde, so einfach ist das.“ „So einfach?“ fragte ich sie mit ungläubigem Staunen. „Es wäre ein guter Schritt in die richtige Richtung! Und wenn du den Weg weiter gehst, wirst du merken, dass deine Heimat dir mehr zu bieten hat als dass, was du vielleicht essen kannst. So bunt wie das Bild geworden ist, dass deine Heimat beschreibt, so bunt kann dein Leben werden, wenn du den Mut aufbringst, deine Heimat wieder Heimat sein zu lassen.“

Seit dieser Begegnung sind nun 7 Tage vergangen. Die geheimnisvolle Frau verschwand so plötzlich, wie sie gekommen war. Das Bild steht hier vor mir und scheint von Minute zu Minute bunter zu werden.

Du fragst mich, was ich tun werde?

Na was schon…

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Foto: Uwe Werner, Templin

Heute war nun endlich der lang ersehnte Termin mit Matthias Platzeck anlässlich der Auszeichnung unseres Projektes “Wandern und Rückkehren in der Uckermark“. Die Vorbereitungen dazu waren nicht unerheblich. So mußte der Raum im Historischen Rathaus in Templin organisiert werden und mit der Staatskanzlei Brandenburg der Ablauf (in Fachkreisen auch Protokoll genannt) abgestimmt werden.

Wir hatten eine knappe Stunden Zeit mit dem Ministerpräsidenten über unser Projekt und den Verein im allgemeinen zu reden. Ausserdem anwesend waren der Landrat der Uckermark Herr Dietmar Schulze, der Bürgermeister von Templin Herr Detlef Tabbert, und Herr Maciuga aus dem Referat Demografischer Wandel der Staatskanzlei. Von Seiten des Vereins und seines Umfelds waren der Vorstand und einige Rückkehrer vertreten. Genaueres hierzu wird es in den nächsten Tagen noch in diversen Pressemitteilungen zu lesen und zu hören geben.

Ich war sehr positiv überrascht wie gut Matthias Platzeck über unser Projekt Bescheid wusste. Er hatte offenbar die gesamte Projektbroschüre aufmerksam gelesen und konnte so im lockeren Gespräch direkt auf die Rückkehrer und uns eingehen. Er zeigte sich sehr interessiert an dem Thema der Rückwanderung und wie dies befördert werden kann. Insgesamt hatten wir das Gefühl, daß man sich inhaltlich auf der gleichen Wellenlänge befindet. Des weiteren war ihm anzumerken daß er sich ehrlich über das freiwillige Engagement des Vereins im Bereich des demografischen Wandels gefreut hat. Auch der Landrat betonte dies noch einmal als positives Signal für die ganze Region. Die Auszeichnung durch die Staatskanzlei würdigt diese Engagement nun.

Im Anschluss an die Auszeichnung hatten wir im Rahmen unseres Sektempfangs noch die Gelegenheit mit diversen Leuten aus Stadt-, Kreis- und Landesebene ins Gespräch zu kommen. Das war eine gute Gelegenheit um den Verein und seine Arbeit einmal persönlich vorzustellen das unser Thema zugegebenermaßen nicht so spontan zugänglich und selbsterklärend ist.

Insgesamt empfanden wir das Treffen als sehr positiv und fruchtbar für unsere Sache. Jetzt gilt es diesen Schwung zu nutzen und in unseren Projekten umzusetzen und auch die neu geknüpften Kontakte mit zu aktivieren.

Unser besonderer Dank gilt Herrn Maciuga von der Staatskanzlei der uns umfangreich unterstützte.

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Einladung zum Sektempfang

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Mit dem Projekt “Wandern und Rückkehren in der Uckermark” konnten wir, der Verein Zuhause in Brandenburg e.V., einen viel beachteten Beitrag zum Thema Abwanderung und demografischer Wandel in der Uckermark leisten. Am 10.12.2010 erhält unser Verein eine offizielle Ehrung durch den Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg Matthias Platzeck.

Gern nutzen wir diese Gelegenheit, um ins Gespräch zu kommen. Dazu laden wir herzlich zu unserem Sektempfang im Anschluss an die Ehrung ein.

10.12.2010
Historisches Rathaus Templin
Festsaal, 13.30 Uhr

P.S. Wir bitten um vorherige Anmeldung unter: mail@zuhause-in-brandenburg.de

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Gestern erhielten wir die Nachricht. Unser Projekt “Wandern und Rückkehren in der Uckermark” ist Preisträger im Rahmen des Wettbewerbs “Aktiv für Demokrtie und Toleranz 2010″. Vom Beirat des Bündnisses für Demokratie und Toleranz wurde das Projekt als vorbildlich eingestuft.

Im ersten Quartal des Jahres 2011 sollen die diesjährigen Preisträger des Wettbewerbs im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung gewürdigt werden.

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Mit dem Projekt „Wandern und Rückkehren in der Uckermark“ konnte der Verein Zuhause in Brandenburg e.V. mit Sitz in Templin einen viel beachteten Beitrag zum Thema Abwanderung und demografischer Wandel in der Uckermark leisten. Am 10.12.2010 erhält der Verein Zuhause in Brandenburg e.V. eine offizielle Ehrung durch den Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg Matthias Platzeck als Demografieprojekt des Landes Brandenburg für den Monat Dezember. Die Auszeichnung wird im Historischen Rathaus in Templin erfolgen. Der Ministerpräsident wird sich darüber hinaus die Zeit nehmen mit den Mitgliedern des Vereins zu den Themen demografischer Wandel und Abwanderung ins Gespräch zu kommen.

Im Anschluss an die Ehrung findet am frühen Nachmittag ein Sektempfang statt. Die Mitglieder des Vereins wollen den Anlass nutzen, um mit interessierten Uckermärkern zum Thema ins Gespräch zu kommen. Interessenten melden sich bitte unter mail@zuhause-in-brandenburg.de

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Hier ein Programmtip in eigener Sache. Am kommenden Sonntag wird das Projekt des Vereins “Wandern und Rückkehren in der Uckermark” auf dem RBB ab 18.00 in der Sendung Theodor vorgestellt. In der Ankündigung des RBB heißt der Programmteil: “Magie der Heimat – Rückkehrer in der Uckermark” Zu sehen sind die Rückkehrer Michaela Bentzin in Templin, Andy Matzke in Boitzenburg, Nadine Wunsch in Buchenhain und meine Wenigkeit als Vertreterin des Vereins. Also dann viel Spaß vor dem Fernseher!

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Ein kurzer Artikel zur Bevölkerungsentwicklung in der Uckermark war heute in der Regionalzeitung eingestellt. Er gibt die Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung bis 2030 der Strukturprognose des Landes Brandenburg wieder. Offensichtlich müssen die Sommerlöcher gefüllt werden, denn die Daten sind schon von Mai diesen Jahres.

Obwohl der demografische Wandel die Region bereits fest in der Hand hat, gibt bis dahin keine ernsthaften Konzepte wie damit umzugehen ist und wichtiger wie er gesteuert werden kann. Das zeigt übrigens der Artikel recht eindrücklich. Er erhielt lediglich Zahlen, keine Schlussfolgerungen, keine Diskussion, nur Zahlen. Das ist im Übrigen nicht der Zeitung anzulasten, die öffentliche Diskussion darüber fehlt.

Wenn 2008 noch 132 000 Menschen in der Uckermark lebten werden es 2030 voraussichtlich nur noch 98 000 Menschen sein. Ein Bevölkerungsrückgang von 26 Prozent, mehr als einem Viertel der Menschen. Von diesem 26 Prozent gehen ca. 11 000 Menschen freiwillig, sie wandern ab.

Eine Entwicklung darüber hinaus zeigen diese Zahlen jedoch nicht. Wir werden nicht nur weniger, wir werden extrem schnell alt. Der durschnittliche Uckermärker ist 2030 ca. 56 Jahre alt und fast die Hälfte der Einwohner ist über 65 Jahre alt. In einem anderem Artikel ein Lokalzeitung war zu lesen, dass diese Entwicklung die beruflichen Perspektiven für Junge Menschen in der Region stärke. Dann gäbe es genug Arbeit für die Jungen bei der Pflege älterer Menschen und damit keinen Grund zur Abwanderung. Ich bin mir sicher, mit solchen Zukunftsperspektiven wird sich die Abwanderung sogar noch verstärken.

Der Verein Zuhause in Brandenburg hat sich in dem Projekt “Wandern und Rückkehren” mit der Abwanderungsproblematik auseinandergesetzt. Wir haben Abwanderer, die Zurückgekehrt sind in biografischen Interviews nach ihrem Werdegang und ihren Motivationen befragt. Wir konnten herausfinden, dass Abwanderung nicht per se schlecht ist. Im Gegenteil, die Ausbildungs- und Erfahrungsmöglichkeiten sind hier nun einmal begrenzt. Es muss aber gelingen wieder mehr “Ehemalige” zurückzuholen. Auch auf regionaler, sogar auf kommunler Ebene gibt es dazu Ansatzpunkte. Es muss nur angegangen werden.

Mehr zu den Ergebnissen des Projekts in der Veröffentlichung “Wandern und Rückkehren – ein regionales Projekt gegen Abwanderung”. Bestellbar über diese Website.

Zahlenquelle: http://www.demografie.brandenburg.de/sixcms/detail.php/lbm1.c.384343.de

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Am 16. Juni 2010 waren wir bei Radio OldieStar zum Interview und konnte unseren Verein dort vorstellen. Hier könnt ihr eine zusammengeschnittene Version anhören. Das Interview ging über ca. 2h, enthielt jedoch auch Musik und Nachrichten-Einspielungen.

Interview mit dem Verein bei Radio Oldiestar

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Kurzbeschreibung: Abwanderung ist ein Thema, dass seit zwei Jahrzehnten unsere Region in dramatischer Weise betrifft. Vor allem junge Menschen mit guter Bildung wandern in den Westen ab, kurbeln dort den Wohlstand an und gründen dort ihre Familien. Sie fehlen uns hier vor Ort als wichtiger Teil der Gesellschaft. Der Verein Zuhause in Brandenburg hat in dem Projekt “Wandern und Rückkehren in der Uckermark” jene Uckermärker in den Blick genommen, die nach dem Verlassen ihrer Heimat wieder in die Region zurückgekehrt sind. Wir haben Rückkehrer in biografischen Internviews nach ihrem Werdegang und ihren Motivationen befragt. In der nun erschienenen Veröffentlichung präsentieren wir die Ergebnisse des Projekts und zeigen Lösungsansätze für die Region auf, die einen konstruktiven und steuernden Umgang mit der Abwanderung möglich machen.

Wandern und Rückkehren in der Uckermark
Ein regionales Projekt gegen Abwanderung

Herausgegeben von Zuhause in Brandenburg e.V., 2010, 44 Seiten

5 Euro + 1 Euro Porto und Verpackung

Bestellungen an:

mail@zuhause-in-brandenburg.de (Angabe der Stückzahl und der Adresse)


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