
Michael Fritz
“Land kann man nicht essen”
Als ich ein Jüngling war dachte, redete und handelte ich wie ein Jüngling. Vieles von meinen kindlichen Vorstellungen habe ich im Laufe der Jahre hinter mir gelassen. Manches wiederum konnte den Test der Zeit bestehen. Doch das Land und die Menschen meiner Kindheit sind noch heute der Schatz, der meinem Leben einen wärmenden Glanz verleiht. Ein Schatz, den ich erst vor kurzem für mich wieder entdeckte. Ich will dir davon erzählen und vielleicht verstehst du dann besser, wie es mir im Moment geht…
Vor ein paar Tagen hatte ich eine äußerst seltsame Begegnung. Ich weiß nicht mehr, ob es sich dabei um einen Traum oder die Realität handelte. Auf jeden Fall traf ich sie – eine geheimnisvolle Frau in den besten Jahren. Sie war geschmackvoll gekleidet in einem lebhaften Kleid bunter Farben. Ihr Haar leuchtete wie die Sonne und ihre Augen waren eisblau wie die Gletscher auf Island. Ein süßes exotisches Parfüm umwehte die Fremde und irgendwie schien sie mich in tausend kleinen Facetten an die Tage meiner Jugendzeit zu erinnern. Unbeschwert und leicht war sie – voller Wissbegier und Tatendrang, voller Dynamik und Optimismus.
Die Fremde zeigte auf eine hölzerne Staffelei, in die eine unberührte Leinwand eingespannt war. Ich sah einen Kasten mit Ölfarben, wie ich ihn oft zuvor benutzt hatte, und eine kleinere Auswahl von Borstenpinseln. „Was bewegt dein Herz?“ fragte sie mich mit sanfter Stimme. „Für mich sind deine Gedanken kostbar und ich möchte sie gerne auf Leinwand bannen!“ Sie sah mich mit durchdringendem Blick an und zückte voller Erwartung einen ersten Pinsel. In mir selbst hatte tagelang ein Durcheinander der Gefühle geherrscht. Ich glaubte nicht, dass ich ihr etwas Produktives weiter geben könnte. Doch die Fremde schien da anderer Meinung zu sein. „Wunderbar – da sind ja schon die ersten Farben erkennbar.“ Und während ich sie verdutzt ansah, begann sie mit meisterlicher Hand ein Gemälde zu entwerfen.
Mit kräftigen Pinselstrichen brachte sie genau die Farben auf die Leinwand, die ich in den letzten Jahren in den letzten Winkel meines Herzens verbannt hatte. Es waren die aromatischen Farben meiner Heimat.
Die mysteriöse Frau begann ihr Werk mit Blautönen. Grünblau waren die kühlen Seen der Uckermark, die im Hochsommer voller Sonnenlicht glitzern und die seit Urzeiten Mensch und Tier eine Quelle des Lebens gewesen waren. Ich hörte mich wie zum ersten Mal ins kühle Element springen, hörte Kinderlachen an den unzähligen Badestellen der Region und konnte förmlich den Duft der Bockwürstchen mit Bautzner Senf einatmen. Ich sog die Stimmung tief in mich ein – ja, so fühlte sich meine Heimat an. Die Fremde strich danach behutsam die dunkleren Blautöne aufs Bild und formte daraus das bedächtige Schweigen Pfeife rauchender Petrijünger, die in mückenflirrender Abendstimmung hoffnungsvoll ihre Rute auswarfen.
Doch meine Erinnerung förderte noch mehr Blautöne zutage. Blau war der Himmel meiner Kindheit, sorgenfrei und weit wie der Horizont auf den Feldern der Mark. Nicht, dass es andernorts nicht auch ein Firmament für mich zu bestaunen gegeben hätte. Doch so satt und von städtischer Bebauung ungetrübt wie in meiner Heimat habe ich es nie wahrgenommen.
Die Dame im bunten Kleid war nach dieser Ouvertüre in Blau zur nächsten Farbe entschlossen. Königliches Goldgelb hing nun pastös am größten ihrer Pinsel. Die ersten Striche folgten und erinnerten mich an die ausgedehnten Schilfgürtel, die ich früher andächtig mit dem Paddelboot umkreist hatte. Ich drang ein in ein Königreich voller Leben mit Rallen, springenden Fischen, Legionen von Fröschen und hier und da einer sich grazil im Wasser schlängelnden Ringelnatter.
Der Fremden schien die Arbeit mit Goldtönen zu gefallen. Mein Blick schweifte nun über die duftenden Felder, die mit ihren vollen Ähren verschwenderisch zu protzen schienen. Weizen, Gerste, Roggen und Hafer hatten schon seit Generationen die Landschaft meiner Heimat mit königlicher Pracht erfüllt. Unsere Bauern kannten kein zufriedeneres Gefühl, als dieses kostbare Gut sicher in ihren gefüllten Scheunen zu wissen. Ich erinnerte mich an das pieksende Stroh, das früher in Quadern und später in großen Rollen der Sonne zum Trocknen dargeboten wurde. Mensch und Natur schienen sich auf eine stille Übereinkunft berufen zu können, welche die harte Arbeit mit dem folgenden Ertrag in ein lohnendes Verhältnis setzte. Wie hatte ich in den vergangenen Jahren voller Hektik und Hetze diesen ausgewogenen Zustand meiner Heimat vermisst. Aus Anfängen voller Leidenschaft und Ehrgeiz hatte sich mein Leben in eine farblose Routine entwickelt, das sich als großes Hamsterrad begriff. Ein warmes Gefühl durchdrang mich, als ich nun auf der Leinwand eben diese urwüchsige Leidenschaft in dem Bild meiner Heimat wieder fand.
Ganz unbemerkt hatte die Künstlerin angefangen, rote Tupfen in die wogenden Kornfelder hineinzustreuen. Klatschmohn, der betörend und filigran zugleich den goldgelben Feldern eine Art Krone aufsetzte. Wie ein Schleier bewusst vergossener Blutstropfen säumte er das goldene Meer. An dieser Stelle sah ich die Künstlerin genauer an. Wer war sie? Konnte sie wissen, wie viel endlose Stunden ich als Kind auf diesen Feldern zugebracht hatte? Sie lächelte mich an und schwang den Pinsel ein weiteres Mal. Rot wurden nun die Hagebutten, die im Spätsommer Gebüsche und Feldraine säumten. Rot die Tomaten, die den elterlichen Garten bevölkerten und phasenweise zum Grundnahrungsmittel erklärt worden waren. Rot war auch die politische Vergangenheit vieler Mitmenschen gewesen, doch zu dem ungefärbten Aroma unserer Tomaten hatten es nur wenige gebracht. Wo Rot und Spuren von Blau sich auf der Leinwand mischten entstand ein saftiger kirschfarbener Ton. Süß oder sauer – Kirschen waren ein Luxus meiner Kindheit gewesen und hatten frisch auf dem Baum am besten geschmeckt. Warm von der Sonne waren sie gewesen, bedroht durch allgegenwärtige Geschwader von Staren.
Die geheimnisvolle Frau schien mit mir auf diesen Bäumen gewesen zu sein. Im Nu hatte sich ihre Leinwand in ein prächtiges Farbenmeer verwandelt. Doch schien mir in dem Bild etwas Zentrales zu fehlen. „Fehlt dir vielleicht das Grün?“ hörte ich sie verständnisvoll fragen. Natürlich – das Grün. Grün war doch die bestimmendste aller Farben in meiner Heimat.
Mit den ersten Frühlingsblumen hielt diese Königin der Farben ihren Einzug in Wald und Flur. Die Böden wurden übersät mit Teppichen von Gras und Buschwindröschen. Knorrige Laubbäume stemmten in jahrhundertelanger Routine ihr leuchtend grünes Kleid der Sonne entgegen. Lustvoll wanden sich allerorts Kletterpflanzen an Mauern und Bäumen hinauf und boten einer kleinen Armee von Tieren ein sicheres Zuhause. Nahezu jeder Grünton tauchte plötzlich in meiner Erinnerung an die Heimat auf: Mal leuchtete es in den Vorgärten der Menschen, mal formten dunkle Grüntöne ein kathedralenartiges Dach über den Alleen, die ich als Jugendlicher durchfahren hatte. Grün waren auch die Trachten der Jäger die in den Abendstunden ihre Familien für die Pirsch zurückließen.
In unendlich vielen Zwischentönen und Nuancen strahlte mir meine Heimat auf der Leinwand entgegen und ich wußte: Soviel Vitalität hatte ich schon lange nicht mehr an dem Ort erfahren, an dem ich die letzten Jahre gelebt hatte.
Ich war von Beton umgeben, Menschen beherrschten das Bild und hatten die Natur schon seit Jahrzehnten in ihre Schranken verwiesen. Seen und Felder waren selten und bei weitem nicht so üppig, wie ich es von Zuhause kannte.
Doch nun sah ich es wieder neu vor mir. Sah es in leuchtenden Farben. Sah es in dem bunten Kleid der Fremden, die plötzlich in ihrer Arbeit innehielt und mich anstrahlte. „Gefällt dir die Zusammenstellung der Farben auf dem Bild?“ fragte sie nicht ohne Stolz. „Nimm etwas Abstand und blinzele, dann werden sich die Farbtöne vermischen.“ Ich ging ein paar Schritte zurück und befolgte ihren Rat. Mit einem Mal verschmolzen die unterschiedlichsten Töne zu einem harmonischen und unaussprechlich reichhaltigen Ganzen. Was ich vor mir sah, war ein treffender Abdruck meiner Kindheit, ein Denkmal meiner Heimat – ein Sinnbild für die Uckermark.
Mir fielen interessante Mischtöne auf. Grün, Rot und Goldgelb hatten sich zu einem goldbraun zusammengefunden. Sofort kroch mir der intensiv würzige Geruch harzschwitzender Kiefernwälder in die Nase. Grüngelbe Muster schimmerten mir an anderer Stelle entgegen und formten die Umrisse eines prächtigen Hechtes, der gerade mühsam seinem nassen Königreich entrissen worden war. Lilatupfen ließen reife Pflaumen oder Fliederbüsche erahnen, die jede auf ihre Art zur Verschönerung der Landschaft beitrugen. Kürbisorange, lehmocker, seerosenweiß und veilchenblau- ein so buntes Bild hatte selbst der Louvre nicht oft in seinen Mauern. Nicht zu vergessen waren all die Grau- und Brauntöne der Findlinge, die als Andenken aus der letzten Eiszeit hier stecken geblieben waren.
Die Künstlerin wollte nun mit schwarzer Farbe die Hell-Dunkel-Kontraste herausarbeiten. Mit sehr viel Taktgefühl verordnete sie ihrer Komposition genau die Tiefe, die zu der jeweiligen Stelle passte. Tiefschwarz wölbte sich der Nachthimmel mit einem milliardenfachen Meer funkelnder Sterne über das üppige Wechselspiel von Farben und Formen. Großstadtlichter waren viel zu weit entfernt, um dieses majestätische Schauspiel zu trüben, dass sich uns Uckermärkern in vielen lauen Sommernächten selbstlos schenkte. Wie oft hatte ich früher andächtig dem überwältigenden Orchester von Mond, Sternen und Sternschnuppen gelauscht. Aus erster Reihe hatte ich von Kornfeldern oder Lagerfeuern aus hinaufgesehen und gehofft, keine Note des machtvoll ruhigen Stückes zu verpassen. Oft hatten geliebte Menschen diese heiligen Momente mit mir geteilt und immer wieder konnte sich der große Friede des Nachthimmels in mein Herz hineinsenken.
Durch die neuen Kontraste wirkte das Bild der Künstlerin faszinierend plastisch und lebensnah. Das war die Uckermark wie sie leibt und lebt. Doch irgendetwas schien mir immer noch zu fehlen. Ich hatte viel in dieser grandiosen Landschaft erlebt, keine Frage. Doch Heimat war für mich nie ohne die Menschen zu denken mit denen ich aufgewachsen war und mit denen ich so viel Leben geteilt hatte. „Menschen“, sagte ich, „es fehlen noch Menschen! „Was ist die Uckermark ohne die Menschen, die sie bewohnen? Was nützt ein Kunstwerk wenn es niemanden gibt, der sich an seiner Schönheit erfreut?“ Die Künstlerin nahm den kleinsten ihrer Pinsel zur Hand. Menschen gab es in meiner Heimat schon lange, doch dominiert haben sie das Ganze zu keiner Zeit. Ich erzählte der Fremden, die mir mittlerweile immer vertrauter erschien, von den Menschen, die für mich die Heimat zur Heimat machten. Mir kamen Schulfreunde und Kollegen in den Sinn, meine Familie und Verwandtschaft, die auch stark in der Uckermark verwurzelt waren. Mit Menschen hatte ich den Rhythmus der Jahreszeiten, hatte den Wechsel von Arbeit und Erholung gespürt. Mit manchen hatte ich Jahrzehnte meines Lebens geteilt, andere hatten sich durch kurze, aber intensive Begegnungen in meiner Erinnerung eingebrannt.
Allein mein Großvater, ein Bauer, bei dem ich endlose Tage auf dem Bauernhof verbrachte, hätte ein eigenes Portrait verdient. Sein Leben war gezeichnet von der harten Landarbeit und der dramatischen Zwangsenteignung im Zuge der Bodenreform. Wie viele Andere hatte er sein Talent und sein Herz seit Kindheitstagen in die Landwirtschaft gesteckt. In jungen Jahren hatte sich dieser Lebensstil bezahlt gemacht, doch nun im Alter war nur wenig von diesem alten Glanz geblieben. Das Dorf mitten im Nirgendwo der Uckermark starb mit jedem alten Menschen, der es auf die eine oder andere Art verließ. Kinder und Enkel hatten schon lange das Weite gesucht, doch nur wenige hatten in der Ferne auch ihr Glück gefunden. An ihre Stelle waren die Touristen getreten. „Die Berliner“ hatten ihr grünes und preiswertes Umland als wochenendliches Naherholungsgebiet für sich wiederentdeckt. Die historisch gewachsene Dorfkultur, die sich durch intensive Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auszeichnete, wird wohl bald mit der Generation meines Großvaters ihr Ende finden.
Mir wurde bei diesen Gedanken schmerzhaft bewusst, dass das Bild meiner Heimat trotz der vielen bunten Farben im Grunde eine große Tragik transportierte. Mit einem Mal glichen die Farben nur noch dem Blumenschmuck bei einem Begräbnis. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass ich selbst Teil dieses Trauerzuges war. Ich gehörte zu dem breiten Strom von Menschen, die alle zu der traurigen Erkenntnis gekommen waren, dass man Land nicht essen kann.
„Land kann man nicht essen!“ Diese Erkenntnis hatte in den vergangenen 20 Jahren eine ganze Generation meist junger Uckermärker aus einer Heimat vertrieben, in der einst ihre Wurzeln gewachsen waren.
Die Natur reproduzierte sich selbst, doch für uns Menschen machten die Umstände der politischen Wende die Uckermark als Lebensraum unattraktiv. Binnen weniger Jahre konnte unsere Heimat ihre Kinder nicht mehr ernähren – so zumindest lautete unser Denken, dass durch jeden gekündigten Arbeitsplatz seine promte Bestätigung erfuhr. Wie das Harz aus unseren märkischen Kiefern blutete, so verließ mit jedem jungen Menschen ein potentieller Hoffnungsträger tröpfchenweise die heile Welt seiner Kindheit. Die blühenden Landschaften im Osten schienen in einem ungleich langsameren Tempo aufzuwachsen als wir uns alle vorher ausgemalt hatten. Unsere Lebensziele, wie solide Ausbildung und ein einträglicher Arbeitsplatz, schienen uns nur da umsetzbar, wo die Sonne unterging – im Westen. Auch ich packte daher nach der Schule meine Sachen und zog lieber dem ungewissen Reichtum entgegen, als einer sicheren Strukturschwäche in die Augen zu blicken.
Recht prägnant hatte die Künstlerin die Menschen meines Berichtes in ihr Gemälde integriert. Einerseits gab es große und dynamisch leuchtende Gruppen von Menschen, die Richtung Bildrand unterwegs waren, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Ich konnte förmlich sehen, wie Familien auseinander gerissen wurden und es nichts mehr gab, dass man als Lebensmittelpunkt bezeichnen konnte. Dann gab es die glücklichen Uckermärker, die „Gewinner der Wende“, die sich eine Arbeitsstelle und etwas sozialen Status hatten erhalten können. Sie waren in optimistischem Grün skizziert und doch fiel mir auf, dass ein großer Teil um Autobahn und Zugstrecke nach Berlin gruppiert war und seine Absicherung langen und ermüdenden Arbeitswegen verdanken musste. Handwerker hatten europaweit nach Arbeit Ausschau zu halten und standen vor der Herausforderung, ihr gesamtes Privatleben in viel zu kurze Wochenenden hineinzupacken. Der emotionale Druck und die Verzweiflung wurden von der Künstlerin mit aggressiven Farbtönen unterlegt. Das Ungleichgewicht als Normalzustand.
Mein Blick blieb danach an den kleinen verunsicherten Menschentrauben hängen, die in meiner Heimat die Stellung hielten. Viele Schicksale hatte ich selber miterlebt. Für sie war die politische Wende wie eine plötzliche Flutwelle gekommen, die jegliche Ordnung und Orientierung in ihrem Leben durcheinander gewirbelt hatte. Noch Jahre nach dem Ereignis streiften Menschen durch die Trümmerfelder ihres Weltbildes und suchten nach vertrauten Objekten. Es war eindeutig, dass die Menschen meiner Heimat nach diesen Ereignissen große Mühe damit hatten, zu sich selbst zurückzufinden. Mühsam versuchten kleine Gruppen von Aktivisten, die politische und wirtschaftliche Landschaft neu zu beleben, doch für viele blieben die erhofften Ernten aus.
„Land kann man nicht essen!“ diese Einsicht hatte mich damals in die Fremde getrieben. Dort hatte ich bekommen, was mir meine Heimat nicht hatte bieten können. Doch die Frage, die mich unentwegt umtrieb, war, ob mich dieser Zustand wirklich hatte satt machen können. Was hatte es mir geholfen, auf der finanziellen Seite satt zu sein, und auf der anderen Seite mein Leben im Exil verbringen zu müssen? Getrennt von den Menschen, die mich wirklich verstanden, und von der Landschaft, die mir sagen konnte, wo ich wirklich hingehöre. Ich hatte im Laufe der Jahre sehr wohl gemerkt, dass auch im „Westen“ nicht alles aus Gold besteht. Auch dort gab es immer mehr Strukturprobleme und Zukunftssorgen. Vor allem aber wurde mir deutlich, wie stark meine Heimat mein Denken geprägt hatte. Im neuen Lebensumfeld traf ich nun auf Menschen ganz anderer Prägung und merkte, dass dort ein mehr oder weniger großer Verstehensgraben existierte, der Kommunikation immer wieder erschwerte. In der Heimat hingegen würde ich immer „einer von uns“ bleiben.
„Du hast eine wertvolle Heimat“, sagte die Frau plötzlich zu mir. „Vieles ist nicht einfach, und doch scheint es der Ort zu sein, der mehr zu dir passt als alles, was du hier in der Fremde erleben kannst. Hier bist du umgeben von Autobahnen und Flugzeuglärm. Abends kannst du am Horizont acht Städte und Dörfer voller Menschen ausmachen – dafür fehlt dir das schweigsame Konzert des Sternenhimmels. Außer Freibädern und Baggerlöchern gibt es hier kein Wasser, in dem du deine Kinder den ganzen Sommer lang baden lassen kannst. Es ist nicht schlecht hier, aber Wurzeln schlagen kannst du hier nicht. Die Menschen sind nett, aber es sind nicht die Menschen, die dich ohne Worte verstehen werden.“ Ich sah betroffen nach unten. Irgendwie war es ihr gelungen, die verborgensten Gefühle meines Herzens offen zu legen.
„Das Bild ist fast fertig!“ sagte sie mit einem Augenzwinkern. „Ich denke, es fehlt nur noch eine Person in dem Bild. Weißt du, wen ich meine?“ Ich war noch immer sehr nachdenklich und kleinlaut. „Wahrscheinlich muss ich mich jetzt entscheiden wo ich hingehöre“ hörte ich mich sagen.
„Entweder ich bleibe hier in der Fremde und weiß, dass mir die Heimat fehlt, oder…“ „Oder du nimmst diesen letzten Pinsel und suchst dir einen schönen Platz auf dem Gemälde, so einfach ist das.“ „So einfach?“ fragte ich sie mit ungläubigem Staunen. „Es wäre ein guter Schritt in die richtige Richtung! Und wenn du den Weg weiter gehst, wirst du merken, dass deine Heimat dir mehr zu bieten hat als dass, was du vielleicht essen kannst. So bunt wie das Bild geworden ist, dass deine Heimat beschreibt, so bunt kann dein Leben werden, wenn du den Mut aufbringst, deine Heimat wieder Heimat sein zu lassen.“
Seit dieser Begegnung sind nun 7 Tage vergangen. Die geheimnisvolle Frau verschwand so plötzlich, wie sie gekommen war. Das Bild steht hier vor mir und scheint von Minute zu Minute bunter zu werden.
Du fragst mich, was ich tun werde?
Na was schon…
